#1

Stille Geburt von Gabriel (Trisomie 13)

in Erfahrungsberichte 01.06.2016 23:09
von Anastasia-Wiesbaden | 2 Beiträge

Guten Abend,

heute um 17:05 wurde mein Sohn Gabriel in der 14. SSW still geboren.

Es war ein schmerzhafter und trauriger Weg, aber nun fühle ich Frieden. Ich bin froh, dass Gabriel nun bei Gott ist und keine Schmerzen erleiden muss. Ich bin froh, dass ich ihn noch sehen und verabschieden konnte. Er sah wie ein perfekter winziger Mensch aus mit zarten Gliedern, Händen und Füßen. Er wurde von einer Seelsorgerin noch gesegnet und wird demnächst im Sternengarten bestattet. Meine Familie und meine Freunde standen mir zur Seite. Mein vierjähriger Sohn fragte, ob Gabriel gleich mit Flügen geboren wird oder ob sie ihm bald wachsen.

Rückblick:
Ich bin 41 Jahre und Mutter von zwei gesunden Jungs (4 und 6 Jahre alt), aber wir wollten immer drei Kinder. Es hat leider etwas länger gedauert, bis ich nun endlich mit dem dritten Kind schwanger war und das leider auch nur mit etwas Nachhilfe (Insemination). Da ich vor 2 Jahren eine Fehlgeburt hinter mit hatte, wollten wir bis zum Ende der 12. SSW warten, bis wir es allen verkünden. Im Unterschied zur letzten Fehlgeburt entwickelte sich Gabriel genau zeitgerecht. Bei 12+1 war die Nackenfaltenmessung und da kam der Schock: eine riesige Nackenfalte, nicht nur dick sondern auch lang und eine stark vergrösserte Harnblase. Beides Anzeichen für eine Chromosenanomalie. Parallel hatte ich den Harmony Test (den neue Bluttest, wo im Blut der Mutter schon kindliche DNA ab der 11. SSW nachgewiesen werden kann) machen lassen und habe nervös auf das Ergebnis gewartet. Das kam dann bei 12+4: Ungewöhnliche Varianz bei der DNA Verteilung, aber Test nicht auswertbar. So ein Mist, damit wusste ich immer noch nichts genaues - wenigstens muss ich die 400€ nicht zahlen. Daher habe ich noch bei 12+4 eine Chorionzottenbiopsie machen lassen. Die Pränatalmedizinerin fand dann im Ultraschall nicht nur die große Nackenfalte und die vergrösste Harnblase, sondern auch einen Herzfehler und kein Nasenbein sowie Verdacht auf Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Meine Hoffnung schwand. Das finale Ergebnis erhielt ich dann einen Tag später: freie Trisomie 13. Alle Ärzte rieten mir zu vorzeitigen Beendigung der Schwangerschaft und weil es noch so früh war, sogar noch als Ausschabung, falls ich mich innerhalb von 3 Tagen entscheiden würde. Mein Mann hat diesen Weg befürwortet. Ich hatte mich ja schon seit der auffälligen Nackenfaltenmessung mit "Was wäre wenn" beschäftigt und habe das Wochenende intensiv genutzt um meinen Weg zu suchen und mit meinen engen Freundinnen sowie meiner Hebamme zu diskutieren.
Außerdem habe ich mir den Film "Eine Handvoll Leben" (über Schwangerschaft und das kurze Leben eines Trisomie 18 kranken Babies) angesehen. Leider wollte mein Mann sich mit den ganzen Themen nicht auseinandersetzen, sondern präferierte weiterhin den schnellen Weg der Ausschabung. Auch in diesem Forum habe ich viel gelesen, was mir sehr geholfen hat. Danke dafür!

Ich habe mich dann doch für eine vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft entschieden - aber nicht über Ausschabung, sondern über eine eingeleitete natürliche Geburt. Das Fortsetzen der Schwangerschaft hätte mich überfordert, da die Bindung zum Baby immer stärker geworden wäre und mein Verlust noch größer geworden wäre. Außerdem hätten noch mehr Leute von der Schwangerschaft erfahren, mit denen ich aber so intimes nicht teilen wollte. So habe ich jetzt nur den engen Kreis eingeweiht, die mir alle gut zur Seite standen.

Die Geburt wurde am Dienstag bei 13+1 eingeleitet mit einem Cergem Zäpfchen alle vier Stunden. Da ich wegen eines zu engen Beckens schon zwei Kaiserschnitte hatte, hatte man Bedenken wegen einer Ruptur. Dienstag abend wurden die Schmerzen dann so heftig, dass ich kaum Atmen konnte. Die Schwestern und Ärzte hatten mir versichert, dass ich gute Schmerzmittel bekommen könnte und ich somit nicht leiden müßte. Als die Schmerzen dann so stark waren, wollte ich Schmerzmittel - aber das hat dann doch noch über eine Stunde gedauert, bis die endlich kamen, dann war die Braunüle zu, musste neu gelegt werden etc. Ich war danach völlig erschöpft. Die Ärztin tastete dann den Muttermund: der war noch total dicht! Die Krämpfe ließen nach, die Blutung auch. Alles unwirksam, kein Fortschritt. Die Ärzte haben dann nach Rücksprache mit mir weiter alle vier Stunden die Zäpfchen gegeben, also auch in der Nacht. Eigentlich konnte ich schlafen, aber dann wurde ich ja um Mitternacht und um 4 Uhr geweckt (da habe ich die Entscheidung dann kurz bereut, nicht nachts auszusetzen). Am nächsten Morgen war alles weiterhin ruhig, nur eine leichte Schmierblutung und mäßige periodenartige Schmerzen - aber keine Reaktion am Muttermund. Mein Mann war auch krank geschrieben und saß vormittags neben mir, aber der war so neben der Spur, dass ich ihn nach hause geschickt habe. Nachmittags um 16 Uhr kamen mich meine 2 Jungs besuchen, kurz davor fingen die Krämpfe wieder in Wellen an. Ich bat um ein Schmerzmittel (insbesondere damit meine Jungs mich nicht so leiden sehen) und es hat leider wieder 1 Stunde gedauert, bis die Infusion endlich lief. Da ich dachte, dass es nur darum geht, vor den Jungs nicht zu sehr zu leiden, habe ich kein starkes Schmerzmittel gewählt, sondern nur etwas krampflösendes. Doch es wurde immer schlimmer. Ich habe meine Mann mit den Jungs dann nach hause geschickt. Die Blutungen wurden stärker. Die Schwestern haben mir einen Toilettenstuhl gegeben, damit das Baby in den Eimer fällt und nicht in den Abfluss. Nach einer weitern Stunde wellenartiger Krämpfe (also Wehen) spürte ich Ruckungen und Zuckungen in meiner Gebärmutter. Ich dachte: endlich öffnet sich der Muttermund und wollte die Ärztin rufen. Doch dann liessen die Schmerzen nach und ich hielt es wieder für Fehlalarm. Dann musste ich aufs Klo und während des Urinieres merkte ich, wie das Baby kam. Ich habe es nur kurz anschauen können, konnte es nicht selbst aus dem Eimer holen und hatte erst mal einen Heulkrampf. Ein paar Minuten war ich ganz einsam und allein, bis die Schwester kam. Die hat Gabriel dann rausgeholt und in eine Schalte gelegt. Da habe ich es übers Herz gebracht und ihn angesehen. Die Schwester holte daraufhin die Seelsorgerin und eine Hebamme. Zu dritt haben wir den Winzling bewundert, ihn in eine Sternenkind-Schale gelegt, mit der von mir genähten Decke bedeckt und gesegnet. Es waren sehr berührende Minuten. Mein Mann kam dann leider erst 30 min. später (erst musste das Kindermädchen ihn ablösen) und hat es nicht über Herz gebracht, den Kleinen anzusehen. Daher hat die Hebamme ihn mitgenommen, während ich für die anschließende Ausschabung vorbereitet wurde. Das habe ich dann alles wie in Trance erlebt. Mein Mann hat mich bis zum OP begleitet und mich im Zimmer wieder in Empfang genommen. Dann haben wir noch eine Weile geredet, bis er wieder zu den Kindern muss. Mein Mann ist immer noch im Schockzustand und steht völlig neben sich. Während ich die letzte Woche viel geweint habe, den Abschied begonnen habe und meinen schmerzhaften Weg gegangen bin und mich in Ruhe verabschiedet habe, hat er alles in sich hineingefressen, sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen und funktioniert nur noch für die Kinder. Eigentlich wollte er noch nicht einmal das Geschlecht wissen und bei der Namenswahl war er auch gleichgültig. Ganz ungewöhnlich, denn er ist ein sehr engagierter Vater und wir teilen uns die Erziehungsarbeit und geldverdienene Tätigkeit beide zu gleichen Teilen. Leider mag er sich auch mir gegenüber nicht öffnen. Ich mache mir Sorgen um ihn und mag ihm gegenüber keine Schwäche zeigen, um ihn nicht noch mehr zu belasten. Ich habe das Gefühl, ich muss für ihn auch stark sein.

Falls noch jemand ähnliches mit seinem Mann erlebt hat, wäre ich dankbar über Anregungen, wie ich ihm helfen kann oder ob ich ihn am besten in Ruhe lasse und das Thema mit ihm nicht mehr anspreche (was mir wiederum schwerfallen wird, weil ich die Erinnerung an Gabriel hoch halten will).

Liebe Grüße von Anastasie mit dem Engel Gabriel im Herzen


Liebe Grüße von Anastasia mit dem Engel Gabriel im Herzen


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#2

RE: Stille Geburt von Gabriel (Trisomie 13)

in Erfahrungsberichte 02.06.2016 08:48
von Ces | 3.118 Beiträge

Hallo Anastasia,

ein liebes Willkommen hier im Forum. Es tut mir sehr leid, dass euer Gabriel die Diagnose Trisomie 13 erhalten hat.
Ich hoffe, ihr holt euch noch Unterstützung, denn das ist ja alles wirklich schnell gegangen.
Zudem war die Beratungsqualität und die Begleitung bei der Geburt wohl leider nicht gut, was sehr schade ist.

Ich möchte dir empfehlen, dir eine Möglichkeit zu suchen, deine Trauer zu besprechen und auch die daraus resultierenden Probleme. Die Gefahr ist groß, va auch bei deinem Mann, dass das Erlebte verdrängt wird und sich dann im Laufe der Zeit einen anderen Weg sucht (Depression).

Es ist immer schwierig, wenn innerhalb so kurzer Zeit so gravierende Entscheidungen getroffen werden, gerade mit dem Argument "Zeit zu sparen", das kann auch ganz schlimm nach hinten losgehen.
Ich möchte dir keine Angst machen, nur dich sensibilisieren dafür, dass da möglicherweise noch viel aufzuarbeiten ist.

Aber das ist natürlich sher individuell und abhängig von vielen Faktoren. Ich wünsche euch jedenfalls ganz viel Kraft und Zuversicht.

Ich habe dich für alle Bereiche freigeschaltet.

PS: Habt ihr ausreichend Fotos gemacht? Wenn nicht, vielleicht kann das noch nachgeholt werden?


zuletzt bearbeitet 02.06.2016 08:52 | nach oben springen

#3

RE: Stille Geburt von Gabriel (Trisomie 13)

in Erfahrungsberichte 02.06.2016 16:41
von lisi | 577 Beiträge

Liebe Anastasia,

ich heiße dich auch herzlich willkommen hier und möchte dich ermuntern, deinen Mann mit seinem Sohn Gabriel zu konfrontieren. Ob ihr ihn euch doch noch mal gemeinsam anseht oder Fotos gemeinsam betrachtet, ich bin überzeugt, dass ein möglichst direkter Kontakt ihn seinen Sohn akzeptieren, lieben und trauern lässt. Das ist sicher sehr wichtig für die Verarbeitung des Erlebten. So ähnlich hat es ja auch Caro geschrieben.
Es ist gut, wenn du deinen Mann im symbolischen Sinne ein Stück weit trägst, damit auch er dich dann wieder tragen kann.

Wenn euer Gabriel ein "Geheimnis" bleibt, über das auch in der Familie nie gesprochen wird, wird das womöglich sehr schwer auf euren Seelen lasten. Ich persönlich rate dir/euch sehr zu einer psychologischen Begleitung.

Liebe Grüße
Elisabeth


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#4

RE: Stille Geburt von Gabriel (Trisomie 13)

in Erfahrungsberichte 03.06.2016 09:18
von Anastasia-Wiesbaden | 2 Beiträge

Vielen Dank für eure schnellen Reaktionen und Eure Tipps.

Es kam vielleicht mein Bericht falsch rüber, aber ich fühlte mich in der Klinik sehr gut aufgehoben. Alle Ärzte, Schwestern und insbesondere die Seelsorgerinnen und Hebammen waren sehr einfühlsam. Nur leider konnten sie nicht immer so schnell bei mir sein, wie ich es erwartet hätte. Besonders hilfreich war es, dass ich mit der katholischen Seelsorgerin auch über meine Entscheidung sprechen konnte, vorzeitig einzuleiten und damit den vorzeitigen Tod meines Kindes in Kauf zu nehmen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich von der Kirche trotzdem unterstützt werde und auch die evangelische Seelsorgerin unserem Gabriel dann ja noch ausführlich gesegnet hat. Diese Gespräche haben wir sehr viel Halt gegeben. Heute habe ich noch ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin. Bei der war ich 2013 schon mal in Behandlung wegen einer Erschöpfungs-Depression. Es gibt dabei ja leider immer eine Rückfallwahrscheinlichkeit. Daher starte ich jetzt eine weitere Gesprächstherapie.

Auch mit meinem Mann habe ich nochmals über meine Gefühle gesprochen, dass ich das Gefühl habe mit ihm nicht vorbehaltlos über Gabriel reden zu können und für ihn mit stark zu sein. Er hat bestätigt, dass er den Verlust noch nicht an sich heran lassen kann und mehr Zeit braucht. Er hat mir aber auch versichert, dass ich mit ihm jederzeit über Gabriel reden kann und er mir gern zuhört.

Sehr erfreulich war, dass gestern meine Eltern von weit her angereist sind. Die kommen sonst nur einmal im Jahr. Wir haben gemeinsam getrauert. Außerdem wollte mein großer Sohn Leonard (6 Jahre) die Fotos von Gabriel sehen. Seine Reaktion war wunderschön: Mama, der ist ja sooooo süß! Er ist dann auch gleich hoch zu seinem Papa und hat ihm erzählt, wie süß Gabriel ist.

Ich bin natürlich seelisch immer noch angeschlagen, mitten im Trauer- und Abschieds-Prozess, brauche noch viel Zeit, bin aber auf dem richtigen Weg. Körperlich bin ich leider auch angeschlagen, denn durch die Intubation während der Vollnarkose habe ich sehr starke Halsschmerzen und kann kaum schlucken.

Liebe Grüße und vielen Dank noch mal für Eure Anteilnahme,
Anastasia


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