#1

Sternenkind Wickie (+3.8.16, *9.8.16), freie Trisomie 18

in Erfahrungsberichte 18.11.2016 17:37
von Wickie | 3 Beiträge

Hallo,

nach nun einiger Zeit nach der Geburt unseres Sohnes möchte ich gerne von uns erzählen:

Ich habe am 9.8. unseren Sohn Wickie mit einer freien Trisomie 18 still geboren. Er ist am 3.8. in der 36+1 SSW von uns gegangen.

In der 23. SSW haben wir durch die Feindiagnostik-Untersuchung von zahlreichen Auffälligkeiten bei unserem Kind erfahren. Bei den vorherigen US-Untersuchungen bei meinem Frauenarzt gab es bis auf die Größe keine Besonderheiten. Auf die erste Feindiagnostik-Untersuchung haben wir bewusst verzichtet, da wir der Meinung waren, dass das Ergebnis keine Konsequenzen für uns gehabt hätte - das kann und will ich im Nachhinein aber auch nicht mehr beurteilen. Bis zu dieser Feindiagnostik-Untersuchung hatten wir also nur ein sehr kleines Mädchen erwartet. Es stellte sich allerdings heraus, dass es sich jedoch um einen Jungen mit u.a. nicht richtig entwickeltem Genital handelte. Der Arzt vermutete, dass es sich um eine Trisomie 13 oder 18 handelte, und erläuterte, dass das Kind mit den festgestellten Fehlbildungen nicht lebensfähig sei. Wir vereinbarten einen Termin zur Fruchtwasseruntersuchung, dessen Ergebnis seinen Verdacht bestätigte: freie Trisomie 18.

Wir waren unfassbar geschockt: Von einem (zu) kleinen Mädchen zu einer fehlgebildeten, männlichen Kreatur - das waren zumindest meine ersten Gedanken. Ich habe es nicht ausgehalten, schwanger zu sein und dieses Kind in mir zu tragen. Ich war mir ganz sicher den Rat meines Frauenarztes zu befolgen und schnell einen Abbruch durchzuführen, um "schnell wieder eine Perspektive zu bekommen". Doch mit jedem Tag, der verging, schien es uns unmöglich unseren kleinen Sohn zu töten - das ist zumindest unsere Auffassung des Abbruchs oder der Geburtseinleitung zu einem so frühen Zeitpunkt. Der Feindiagnostiker informierte uns gemeinsam mit einer psychologischen Beratungsstelle über die Möglichkeit einer palliativen Begleitung. Er war es auch, der uns dazu mahnte, uns Zeit mit der Entscheidung zu lassen, da wir unser gesamtes Leben damit leben müssen.

So haben wir uns dazu entschieden, Wickie seine Zeit zu lassen und ihn die Entscheidung zu überlassen, wann er gehen möchte.

Wir wurden ab diesem Zeitpunkt (25. SSW) von einem speziellen Team betreut, welches sich auf die Betreuung und Begleitung von Neugeborenen mit unheilbaren Krankheiten spezialisiert hat. Da es sich um eine unfassbar aufreibende Zeit gehandelt hatte, habe ich erwartet, unmittelbar nach der Entscheidung würden weitere Dinge und Termine anstehen. Aber das war ein weiterer brutaler Lernprozess zu verstehen, dass ab dem Zeitpunkt der Entscheidung, ich tatsächlich "nur" schwanger bin. Um mich von den fürchterlichen Ängsten vor dem Eintritt des Todes von Wickie (wann wird Wickie sterben, wie wird Wickie sterben, werde ich ihn noch lebend in den Armen halten, wie lange wird er leben...) zu schützen, habe ich es geschafft, irgendwann nur noch von Tag zu Tag zu leben und dadurch tatsächlich eine schöne und intensive Schwangerschaft erlebt. Selbstverständlich hatte ich hin und wieder und auch regelmäßig Einbrüche und musste mich wieder berappen, nicht in der Ungewissheit des Ablaufs der folgenden Zeit zu versacken. Später hat mir Wickie dabei auch tatkräftig geholfen: er hat mich regelmäßig getreten und mir zu verstehen gegeben, was ihm passt und was nicht. Er ist auch mit uns in Verbindung getreten und wir konnten mit ihm über das Bauch streicheln ebenfalls Kontakt aufehmen – insbesondere hat er da auf seinen Vater reagiert.

Ungefähr 4-5 Tage bevor er eingeschlafen ist war diese Kontaktaufnahme anders; auch wurden seine Bewegungen weniger und kraftloser. Ich wurde nachts nicht mehr durch Tritte geweckt, weil ich für ihn ungünstig lag. Schließlich habe ich ihn am 3.8. nur noch zwei Mal ganz seicht bis zum Mittag gespürt. Durch Zufall hatte ich an diesem Tag einen Hebammentermin, die mittags noch Herztöne von ihm feststellen konnte. Zum Abend habe ich ihn nicht mehr gespürt. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass er an diesem Abend von uns gegangen ist. Dies wurde am nächsten Tag durch fehlende Herztöne bestätigt.

Wir haben uns am folgenden Tag dazu entschieden, die Geburt einleiten zu lassen. Ich hatte mir immer gesagt, ich würde den Rest meines Lebens schwanger sein, wenn dadurch Wickie für immer bei uns wäre. So sehr hat sich mein Körper dann auch gegen die Geburt gewehrt: nach fünf Tagen Einleitung habe ich Wickie schließlich gebärt. Es war eine schöne Geburt und wir haben unseren bildhübschen Sohn in den Armen gehalten.

Es folgten weitere Besuche von Wickie, um ihn kennenzulernen und doch auch gleichzeitig zu verabschieden. Auch nach zwei Wochen habe ich ihn wieder besucht, wo dann in mir endlich die Feststellung gereift ist, dass er beerdigt werden muss. Selbstverständlich sollte das sowieso geschehen, jedoch habe ich mich innerlich unheimlich dagegen gewehrt. Ich empfand es als eine grausige Vorstellung, auf meinen Sohn Erde „zu schmeißen“. Dieser letzte Besuch bei ihm hat mir sehr dabei geholfen, zu erkennen, dass Wickie unter die Erde zu geben.

Die Beisetzung war schließlich ein wirklich schönes Fest. Mit verwandten und engen Freunden haben wir uns verabschiedet und es war eine so sehr schöne Feier. Die Pfarrerin hat eine wunderbare Predigt gehalten, die unseren Einstellungen entsprach. Es war rundum angemessen und bleibt uns unvergesslich in Erinnerung.

Wickie ist nun nicht mehr bei uns, aber er hat unser Leben und uns verändert. Wir sind Eltern und versuchen mit unserer besonderen Familie einen Alltag zu finden. Denn Wickie hat seinen festen Platz in unserem Leben. So sehen wir uns als berufstätige Eltern, die sich mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwer tun – so wie alle Eltern. Ich kann mich aber auch nicht von einer gewissen Leere freisprechen. Ich spreche immer gerne über Wickie, aber schon jetzt merke ich, dass es immer weniger Menschen gibt, die es "interssiert". Es kommt ja auch nichts neues dazu - außer dem wechselnden Grabschmuck...ich bin gespannt, wie es sich im weiteren Verlauf entwickeln wird.

Wir sind dankbar, Wickie kennenlernen zu dürfen. Er war ein Geschenk genauso wie er war.

Viele liebe Grüße,
Nora


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#2

RE: Sternenkind Wickie (+3.8.16, *9.8.16), freie Trisomie 18

in Erfahrungsberichte 21.11.2016 08:14
von Dini | 11 Beiträge

Liebe Nora,

es tut mir unendlich Leid was ihr durchmachen musstet.

Ich kann verstehen, wie es dir damit geht, über Wickie reden zu möchten. "Es kommt ja nichts neues dazu"
diesen Satz habe ich letzte Woche genau so zu meiner Therapeutin gesagt. Ich würde auch gerne
über Helena reden, weiß aber einfach nicht mehr was. Unbeteiligte können das wahrscheinlich nicht verstehen,
dass man festhalten möchte, nicht vergessen möchte.

Ich musste feststellen, dass es scheinbar ein weiteres Päckchen ist, was Eltern von einem Sternenkind tragen müssen. Dass die Leute es irgendwann nicht mehr interessiert. Ich habe das so akzeptiert und denke für mich einfach jeden Tag an Helena.

Ich wünsche Dir und deiner Familie ganz viel Kraft diesen Verlust verarbeiten zu können.


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#3

RE: Sternenkind Wickie (+3.8.16, *9.8.16), freie Trisomie 18

in Erfahrungsberichte 11.12.2016 23:39
von Elija | 1.616 Beiträge

Liebe Nora,
Danke, dass Du Deinen Weg mit Wickie und das süße Foto mit uns teilst! Ich freue mich zu lesen, dass Ihr gut und kompetent begleitet wurdet und einen Abschied erleben durftet, der, in all dem Schweren, für Euch stimmig war, auch, dass Du Dir Zeit nehmen durftest, um loslassen zu können. ich bewundere Euch dafür, wie Ihr Euren Weg gegangen seid! Mögen Euch die guten Erinnerungen weitertragen!
Alles Liebe!


zuletzt bearbeitet 11.12.2016 23:40 | nach oben springen


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