#1

Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 02.12.2013 21:15
von Stef | 2 Beiträge

Hallo,

vor einiger Zeit habe ich Caro versprochen meine Geschichte aufzuschreiben, wenn ich mich von den Ereignissen des Sommers etwas erholt habe. Gerade heute fühlt es sich nicht so an, weil morgen der errechnete Entbindungstermin wäre, aber vielleicht ist gerade heute der richtige Zeitpunkt meine Geschichte aufzuschreiben. Gerade die Erfahrungsberichte haben mir in der schweren Zeit sehr geholfen. Und wenn sich vielleicht nur eine oder einer darin wiederfindet oder ein bisschen Hilfe darin findet, dann würde mich das freuen.

Ich muss ein bisschen für die Vorgeschiche ausholen. Ich bin 42, es hat sieben lange Jahre gedauert, bis sich 2009 endlich eine Schwangerschaft eingestellt hat. Diese endete in der 9. Woche mit einer Missed Abortion. Ein Jahr später, im Mai 2010 kam unser großes Wunder, unsere süße gesunde Tochter auf die Welt. 2011 und 2012 hatte ich jeweils wieder eine Abortion in der 9. Woche. Ein kleiner Trost war, dass es sich bei der Schwangerschaft 2011 um eine Molenschwangerschaft gehandelt hat, also um eine Schwangerschaft mit fehlender Fruchtanlage.

2013 sollte unser letzter Versuch sein. Definitiv unser letzter Versuch, zum einen auf Grund meines Alters, zum anderen, weil wir nach einem weiteren Scheitern keinen Versuch mehr unternehmen wollten. Dass ein erhöhtes Risiko für eine Trisomie 21 bestand, war uns bewusst, aber für uns war klar, dass wir auch ein Kind mit einem Chromosömchen mehr lieben und annehmen würden. Wie wünsche ich mir, dass es eine Trisomie 21 gewesen wäre.

Die Schwangerschaft war von Anfang an begleitet von einem unbestimmten unguten Gefühl, dass ich aber auf die drei Fehlgeburten geschoben habe.

Die 9. Woche verging ohne Ereignisse, die 12. Woche verging ohne Ereignisse. Am Morgen von 12+0 habe ich mir das erste zaghafte Lächeln erlaubt. Am Mittag von 12+0 sagte die Frauenärztin, dass ihr die Nackenfalte nicht gefällt, weil diese knapp 11 mm betrug. Ich hatte das Gefühl, dass man mir den Boden unter den Füßen wegzieht. Nach kurzem Durchatmen habe ich mir gesagt "ok, bist du halt die Frau für die Statistik, die das Down Kind bekommt, das schaffen wir auch."

Drei Tage später bei der Feindiagnostik war allerdings mehr als offensichtlich, dass es sich um eine Trisomie 18 handelte, mit den typischen Ausprägungen - Strawberry Head, Hernie, Herzfehler, viel zu klein, enorme Wassereinlagerungen, die fast den ganzen kleinen Körper umschlossen. Das Gefühl kann ich nicht einmal in Worte fassen.

Mein Mann sagte spontan "ich kann das nicht, ich halte das nicht aus, wir müssen die Schwangerschaft abbrechen". Rational betrachtet konnte ich seinen Standpunkt nachvollziehen, mein Herz allerdings sagte etwas ganz anderes. Die Ärzte meinten, ich solle mir für die Entscheidung Zeit lassen. Aber wie soll man in einer emotionalen Ausnahmesituation eine Entscheidung treffen, die sehr wahrscheinlich das komplette weitere Leben beeinflusst? Ich habe eine Woche mit dieser Entscheidung gerungen wie noch mit nichts anderem in meinem Leben. Ich glaube ich habe jede verfügbare deutsche oder englische Internetseite zu diesem Thema mindestens zweimal gelesen. Einer Entscheidung hat es mich nicht nähergebracht. Im Gegenteil, die Angst wurde von Tag zu Tag nur größer zumal mein Mann klarmachte, dass er mein einer Fortsetzung der Schwangerschaft absolut nicht einverstanden wäre.

Nach einer Woche war ich so am Ende, dass ich den Eindruck hatte, dass ich mich mit allem was ich habe an den letzten Zipfeln m eines Verstandes festklammere und dass, wenn ich nur einen Augenblick loslasse, alles auseinanderfliegt und dahinter sind nur noch Chaos und Dämonen. Ethik und Moral werden auf einmal sehr ambivalente Konzepte. Was ist falsch daran, ein todgeweihtes Kind zu erlösen, damit es keine Schmerzen und Angst empfinden muss. Allein die Angst blieb.

Irgendwann abends habe ich dann ganz bewusst darüber nachgedacht wie ich mich fühlen würde, wenn ich diese Schwangerschaft fortsetze, wenn ich lächelnden Leuten erklären soll, dass das Kind in meinem Bauch sterben wird, wenn ich mein Kleines im Arm halte, nur um es gehen zu lassen, wenn ich diese Entscheidung treffe, obwohl ich damit meinen Mann verletzen würde. In dem Moment war die Angst weg. Wut, Verzweiflung, Traurigkeit - alles noch da. Nur die Angst war weg und da war ein Gefühl der Ruhe und eine wiedergefundene Kraft. Da wurde mich auch klar, dass ich es die ganze Zeit nicht geschafft hatte, MICH als Grundlage für die Entscheidung zu sehen. Es gibt Entscheidungen, die man nicht aus Loyalität und Liebe treffen kann. ICH wollte mein Baby beschützen und tragen bis zum Schluss. Und das ist das Einzige, was zählt.

Die Reaktion meines Mannes hat mich zunächst tief verletzt. Die genauen Worte waren "ich kann das nicht, ich will das nicht, da musst du alleine durch". Heute ist mir allerdings klar, dass er genauso wenig über seinen Schatten springen konnte wie ich. Ich habe ihm freigestellt zu gehen, zeitweise oder für immer, wenn er es nicht eträgt. Er ist geblieben und wir haben für uns den kleinsten gmeinsamen Nenner gefunden. Er war zu Hause da, aber alle Termine habe ich allein wahrgenommen.

Ich habe zum Beispiel mit dem Kinderarzt im Klinikum gesprochen, weil ich sicherstellen wollte, dass sich kein Intensivmediziner an meinem Kind austobt, sondern dass nur gegen Schmerzen und Angst behandelt wird. Ich habe mich darüber informiert wie die Bestattungsmöglichkeiten sind, Kinderpflegegeld, usw. Für mich war das eine Art mit der Situation umzugehen. Alles geklärt zu haben, damit ich im Zweifelsfall nicht auch noch damit behelligt werde.

Am Freitag, 14.06., hatte ich erneut einen feindiagnostischen Ultraschall. Während des Ultraschalls wurden die Herztöne zunehmend schwächer. Nach einer kurzen Pause hat der Arzt einen erneuten Ultraschall gemacht und ich habe gerade noch die letzten Herzschläge sehen können. Dann war mein Baby tot. Einerseits war es furchtbar, andererseits hatte es auch etwas Tröstliches, so als hätte mein Kleiner gewusst, dass Mama nochmal nach ihm sieht.

Am Montag, 17.06., bin ich ins Krankenhaus gegangen. Die Entbindung war unschön, aber recht schnell vorbei. Mein Mann war bei mir und das fand ich ganz wichtig. Danach war mein Kleines noch etliche Stunden bei mir, eingekuschelt in eine flauschige Decke mit einem Miniteddy. Ich hatte etwas Angst davor, mein Baby anzusehen und nein, so ein kleines Mäuselchen in der 16. Woche ist nicht besonders hübsch, aber das war total egal, weil es mein Kind ist. Die Stunden mit meinem Kleinen waren auf eine etwas merkwürdige Weise sehr friedlich und es hat das Loslassen sicher erleichtert.

Wir haben ihn in einem Einzelgrab beerdigt. Ich habe seinen kleinen Sarg getragen und mein Mann hat ihn ins das Grab gelegt. Beschützt und getragen bis zum Ende - genauso wie ich es wollte. Auch das war einerseits furchtbar, andererseits war es mir wichtig. Mein Mann konnte am Grab zum ersten Mal auch loslassen und um unser Kind weinen.

Unterm Strich kann ich zumindest für mich sagen, dass ich alles, was ich entscheiden und und beeinflussen konnte, richtig gemacht habe. Das macht den Weg um einigers leichter, auch wenn es niemals wirklich vorbei sein wird. Das soll es allerdings auch nicht. Alexander ist unser Kind und wird es immer sein. Mir ist es wichtig, dass er sein Mindestmaß an Individualität hat und dass es nicht so ist als hätte es dieses Kind niemals gegeben.

Der Bericht ist jetzt sehr sehr lang geworden und ich habe den Eindruck, dass ich nicht einmal die Hälfte dessen geschrieben habe, was in dieser Zeit in mir vorgegangen ist. Wenn irgendjemand mehr wissen möchte, weil sie/er in einer ähnlichen Situation ist, dann erzähle ich gerne mehr, hier oder per Email.

Ganz liebe Grüße
Stefanie


zuletzt bearbeitet 02.12.2013 21:16 | nach oben springen

#2

RE: Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 02.12.2013 21:36
von Ces | 3.118 Beiträge

Liebe Stefanie,

ganz lieben Dank für deinen schönen Bericht! Ich glaube, dass er ganz wertvoll ist und sich ganz viele ELtern in deinen Worten wiederfinden können und werden. Danke also dafür.

Morgen hätte der kleine Alexnader also auf die Welt kommen sollen. Ich werde morgen ein extra Kerzlein für ihn anzünden.
Ich schalte dich gleich frei, denn vielleicht ist es für dich gerade zur Zeit auch hilfreich, hier etwas zu lesen.

Einen ganz lieben Gruß!


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#3

RE: Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 03.12.2013 08:49
von Stef | 2 Beiträge

Guten Morgen Caro,

Danke schön.

In deiner Signatur habe ich gesehen, dass Käferle es nach draußen geschafft hat. Ich hoffe der Kleine ist gesund und munter.

Irgendwie ist es bei mir immer so, dass ich anfange wie wild zu schreiben, wenn ich mich schlecht fühle. Gestern war es erst ein Brief an Alexander, dann hier der Bericht und ganz zum Schluss purzelte noch sowas wie die Quintessenz aus meiner Seele.

A little star began to shine.
So bright it was but faded fast.
It left a trace across my heart
Where it will forever last,
Where it will be forever mine.

LG Stefanie


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#4

RE: Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 03.12.2013 20:41
von lisi | 580 Beiträge

Liebe Stefanie,

danke für deinen Bericht.

lg
lisi


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#5

RE: Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 03.12.2013 21:40
von Sandra*Elena | 1.075 Beiträge

Liebe Stefanie, auch ich möchte mich für deinen Bericht bedanken.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und einen guten Erfahrungsaustausch hier im Forum.

Liebe Grüße
Sandra


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#6

RE: Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 03.12.2013 22:06
von silvanapapa | 1.617 Beiträge

Liebe Stefanie,

ich begrüße dich herzlich hier im Forum. Vielen Dank für deinen ausführlichen Erfahrungsbericht. Ich hoffe sehr, dass du dich hier gut austauschen kannst. Alles Liebe,
Jens


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#7

RE: Alexander, Trisomie 18, verstorben in der 16. Schwangerschaftswoche

in Erfahrungsberichte 03.12.2013 22:10
von Klatschmohn | 1.659 Beiträge

Liebe Stefanie,

auch ich sage ganz herzlich Willkommen hier im Forum. Es tut mir sehr leid, dass Euer kleiner Alexander nicht bei Euch bleiben durfte. Vielen Dank für den so ausführlichen Bericht, den Du ganz wunderbar geschrieben hast. Mach Dir keine Gedanken über den so langen Text - ich bin auch "von der Sorte" , kann mich einfach nicht kürzer fassen.

Ich hoffe, Du fühlst Dich wohl hier bei uns.


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